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Datenpreisgabe um jeden Preis

Universität Hohenheim erforscht:

Wie Instagram & Co. unser Selbstkonzept verändern



Wir teilen unser Leben, unsere Glücksmomente, aber auch unser Leid. So weiß ich beispielsweise, dass meine Bekannte aus Grundschulzeiten heute nachts kein Auge mehr zubekommt, weil ihr jüngstes Kind zahnt. Auch dass Elternsex als frisch gebackene Mama eine wahre Seltenheit, ungebürstete Haare, Flecken auf den XXL-Shirts und Windeln statt Lippenstift in der Handtasche dafür aber ganz normal geworden sind, ist kein Geheimnis. Dabei habe ich mit meiner Bekannten seit Jahren kein Wort mehr gewechselt. Ebenso ist es kein Geheimnis, dass die Katze einer 29-jährigen Bloggerin aus Hamburg regelmäßig auf ihren Ikea-Teppich kotzt, weil sie ihr seit neustem ein neues Trockenfutter zu fressen gibt. Kennengelernt haben wir uns allerdings nie. Die neuen Schuhe von Zalando, die vier Extrakilo nach Weihnachten, das Mittagessen von Donnerstag - im Internet erfährt man so einiges über seine Mitmenschen. Doch auch ich muss mich an der eigenen Nase packen: Poste ich doch regelmäßig Selbstgebackenes, Selfies und Bilder von Orten, an denen ich mich befinde im Netz. Umso länger man darüber nachdenkt, desto absurd erscheint die Situation. Da achtet ein jeder in der offline Welt peinlich genau auf seine Privatheit, setzt sich im Bus lieber auf einen freien Doppelsitz anstatt neben einen Fremden, lässt abends alle Rollläden runter und grüßt nicht einmal seinen Nachbarn auf der Straße, um dann auf Instagram, Snapchat, Facebook, twitter und Co. seinen sozialen Jüngern aus dem Netz mit dem Hashtag #haveaniceday einen schönen Tag zu wünschen. Reicht uns im Zeitalter des Internets 2.0. etwa der Kaffee mit der besten Freundin am Nachmittag nicht aus, um unsere intimsten Sorgen und Gedanken auszutauschen. Geben wir trotz offenkundigen Privatheitsbedenken Teile unseres Lebens preis, nur für die Bestätigung wildfremder Menschen?


Die Selbstoffenbarung im Netz trotz Privatheitsbedenken, ist ein Phänomen, das Forscher der Medienpsychologie mit dem Begriff „Privacy Paradox“ bezeichnen. Gründe für die Preisgabe unserer Geheimnisse sind demnach die positiven Effekte, die aufgrund von Selbstoffenbarung entstehen und für uns überwiegen. Durch die Bestätigung in Form eines Likes, wächst unsere sogenannte self-efficacy - das Gefühl einer Aufgabe gewachsen zu sein und die kognitiven Fähigkeiten sowie die Motivation zu besitzen diese Aufgabe zu lösen. Bestätigung durch Fremde -  kann das auf Dauer gut gehen? Sind Instagramer mit weniger Follower und weniger Likes demnach unglüchlicher und fühlen sich gehypte Seiten mit vielen Fans, wie Krösus? Bei einigen Bloggern ließe sich letzteres sicherlich vermuten, doch auch die haben bestimmt Tage, an denen sie ihr Spiegelbild einfach nicht so wirklich leiden mögen.

Berichten zu Folge machen zu viele Follower und virtuelle Freundschaften sogar krank. Der Grund ist Stress. Pausenlos wird ins Handy gehakt, denn viele Kontakte brauchen viel Pflege. Essen wird nicht nur einfach gekocht, es wird angerichtet, dekoriert, belichtet und solange abfotografiert bis es kalt ist und aufgewärmt nach alten Schuhen schmeckt. Auch sind die vielen Kommentare von wildfremden Menschen nicht immer nur positiv. Neid, Missgunst und die Möglichkeit sich identitätslos zu äußern, führen zu grausamen Bemerkungen, die den Seiteninhabern manchmal ein dickes Fell abverlangen.

Die Folgen können Ängste, Schlafstörungen und innere Unruhe sein. Es stellt sich eine sogenannte Verpassungsangst ein. Durch immer neue technologische Entwicklungen verschnellert sich unsere Kommunikation, beispielsweise wird per Whatsapp im Sekundentakt kommuniziert, anstelle von Briefen, die tagelang unterwegs sind. So verschnellert sich auch unsere sozialer Wandel. Was heute noch in war, ist morgen schon out. Trends wandern um den Erdball und sind so plötzlich wieder verschwunden, wie sie gekommen sind. Damit einhergehend verschnellert sich auch unser Lebenstempo. Doch obwohl der objektive Zeitgewinn im Vergleich zu früher enorm ist, stellt sich bei uns das Gefühl ein, aufgrund des rasanten Wandelns ständig etwas zu verpassen. Tote Zeit, beispielweise beim Warten auf die Bahn, wird mit der Handynutzung lebendig gemacht - Langeweile wird zur Kurzweile, Follower ersetzen Freundschaften, Wissenszugang zu Online-Datenbanken ersetzt Wissen. Dies führt zu einer Veränderungen unseres sozialen Handelns, Beziehungshandelns, unserer Identität und unserem Selbstkonzept.

Ob dieser Wandel aufzuhalten ist, wie er sich konkret in unserer Gesellschaft auswirkt und welche Folgen er außerdem mit sich bringt, wird in einer Studie am Lehrstuhl Medienpsychologie der Universität Stuttgart-Hohenheim untersucht. Die Ergebnisse werden im Laufe des Jahres ausgewertet, ausgearbeitet und dann in Form von Workshops an Schulen präsentiert. Denn gerade Kinder, die native user, die mit dem Internet aufgewachsen sind, müssen früh über die Chancen und Risiken der Selbstoffenbarung im Netz aufgeklärt werden. Wer sich außerdem für das Thema interessiert, ist herzlich zu unserem science slam in Stuttgart eingeladen. Weitere Infoveranstaltungen in Stuttgart zum Thema Privatheit und wie man sich selbst gegen den Datenmissbrauch im Netz schützen kann, werden folgen. Auf meinem Blog halte ich euch darüber auf dem Laufenden.

#Onlineprivacy  #PrivacyParadox


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